KUNSTANSICHTEN Offenbach

Auch vor den hatte Offenbach eine Kunstszene wie so viele andere Städte. Da gab es einen Kulturdezernenten, einen finanziell unterstützten Kunstverein, das Klingspor-Museum und ein paar angesehene Künstler (z. B. Ottomar Gassenmeyer, Kurt Steinel und Karlgeorg Hoefer). Und auch die erste Hessische Jugendkunstschule.

Ab und zu gab es eine Ausstellungen im Klingspor-Museum. Das hatte ein großes Ansehen bis rüber in die USA. Und es gab Ausstellungen für verdiente Offenbacher Künstler im Foyer des Theaters. Der Kunstverein wurde mit städtischem Geld unterstützt und zeigte auch jüngerer Künstler.

Alles war wohlgeordnet. Bei den Ausstellungseröffnungen sprach der Oberbürgermeister oder ein promovierter Kunstexperte, und etwas Musik (von jungen Künstlern) war auch oft dabei.

Die alternative Kunstszene in Offenbach

Daneben gab es noch eine ganz andere Kunstszene. Es gab viele junge Leute, in Offenbach geboren oder zugezogen, die „machten“ irgendwas Künstlerisches. Sicher waren sie auch angezogen durch die HfG, aber vor allem dadurch motiviert, dass in Offenbach mit seinem Migrations-Hintergrund eine Stimmung herrschte, in der man gut leben konnte, auch wenn man nicht so viel Geld hat und nicht auf dem Karriereweg ist.

In dieser Kunstszene gab es viele kleine Ateliers, Mal- , Schreib- und Druckwerkstätten, eine private Jugendkunstschule, viele Unterrichtsangebote in der Volkshochschule, und einige größere gemeinsam genutzte Werkstätten und Ateliers, wo Studenten, Künstler und Kunstliebhaber malen konnten.

Über die Stadt verteilt gab es Ausstellungen in Kneipen, Läden, Büroräumen und in den Werkstätten. Eine Schwulenszene hatte sich gegründet. Die Ökoszene war ins Stadtparlament eingezogen.

Die Gründung der KUNSTANSICHTEN in Offenbach

In dieser alternativen Kunstszene entstand ein Netzwerk von Leuten, die organisieren konnten. An einen Name erinnere ich mich noch gut: Anna-Fee Neugebauer, einfach weil der Name so schön klingt.

Dieses Netzwerk organisierte die ersten KUNSTANSICHTEN in Offenbach. Das Konzept war verblüffend einfach:

  • Jeder konnte mitmachen (egal ob Malerei, Drucke, Bildhauerarbeit, Fotographie oder was immer angeboten wurde).
  • Jeder öffnete an dem Wochenende der KUNSTANSICHTEN sein Atelier oder seine Werkstatt für vereinbarte Öffnungszeiten.
  • Es gab ein paar Sponsoren, die die Öffentlichkeitsarbeit und die Flyer finanzierten (jeder Teilnehmer bezahlte einen kleinen Beitrag von circa 20 €).
  • Am Eingang der Werkstätten hing eine Fahne mit den Regenbogenfarben – es war alles offen und für alle offen.

So einfach! Und es klappte! Jede Künstlerin und jeder Künstler luden ihre Bekannten und Interessenten ein. Das brachte schon ein großes Publikum. Auch reizte das Neue an dieser Veranstaltung viele Menschen, mal zu sehen, was es da so gab. Etwas Rotwein und etwas zu Essen hatte jeder für wenig Geld.

Über die ganze Stadt verteilt gab es eine große Anzahl von kleinen Festen. Es liefen viele schöne Gespräche, zum Teil auch mit Menschen, die man sonst nie getroffen hätte.

Und für die Künstler war es schön, dass auch kleinere Werke verkauft wurden. Künstler brauchen immer Geld!

Das Angebot war sehr vielfältig. Die Qualität reichte von selbstgegossenen Kerzen über Zinnfiguren bis zur professionellen Druckgraphik und zu eindrucksvollen Bildern (Öl auf Leinwand). Außerordentlich waren auch Objekte aus gebranntem Ton und anderen Materialien. Die Stimmung war freundlich bis begeistert.

Wie die KUNSTANSICHTEN bei der öffentlichen Verwaltung landeten

Mit den Jahren wurden die Offenbacher KUNSTANSICHTEN eine bekannte Veranstaltung. Das Publikum kam nicht mehr nur aus Offenbach, sondern aus dem Umkreis und zum Teil von weither. Die Künstler kamen auch aus Frankfurt, zumal schon viele Frankfurter Künstler nach Offenbach gezogen waren, da es hier noch bezahlbare Ateliers und Wohnungen gab.

Frankfurter Künstler? Na, dagegen konnte man ja nichts einwenden. Aber es gab das Gerücht, dass russische Künstler angereist waren, um ihre Bilder zu verkaufen. Das gefiel manchen Offenbacher Künstlern überhaupt nicht. Konkurrenz aus dem Ausland?!

Die KUNSTANSICHTEN waren so ausgelegt, dass „jeder“ mitmachen konnten. Wer aber ist „jeder“?

Es gab viele Teilnehmer und die ersten Stimmen aus dem Kreis der akademisch ausgebildeten Künstler, man solle die KUNSTANSICHTEN begrenzen. Die Hobby-Künstler, die Puppenmacher, die Zinnsoldatengießer und die stickenden Frauen hätten nichts mit Kunst zu tun. Dazu möchte ich (als nicht-akademischer Künstler) sagen: Gerade die Vielfalt der Künstler und ihrer Objekte machte den Reiz der KUNSTANSICHTEN aus. Und die Werke aus dem Verein der Offenbacher Hobby-Künstler waren beeindruckend gut!

Ja, und um das Jahr 2015 verloren die KUNSTANSICHTEN ihre Selbstständigkeit. Sie wurden von der Stadt Offenbach übernommen, sie wurden verstadtlicht. Das Kulturdezernat wacht jetzt über die Qualität der Kunst. Teilnehmer sollen eine akademisch-künstlerische Ausbildung haben und aufgrund eigener Ausstellungen nachweisen, dass sie professionell arbeiten.

Was ein Verlust! Die Spontanität, die Vielfalt und die Selbstverwaltung ist den KUNSTANSICHTEN verloren gegangen.

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