Die Tulpenhofstraße in Offenbach

Meine Werkstatt befindet sich in der 45, im Westend von Offenbach.

Viele Menschen kennen es als das ‘rosa Haus’. Seit fast 50 Jahren ist der Verputz rosa (mit weißen und hellgrauen Elementen). Es ist ein altes Haus, um die Jahrhundertwende gebaut und gestaltet von dem Offenbacher Architekten Hugo Eberhardt. Die Tulpenhofstraße war eine Straße mit Villen, die den vermögenden Offenbacher Fabrikanten gehörten. Das Haus Nr. 45 war eine dezente Villa.

Die Werkstatt ist in einem großen Raum im Keller. Dort war schon ein Arbeitsraum meines Vaters und seine kleine Druckwerkstatt. Er war Schriftsetzer und Druckermeister. Seine künstlerische Ausbildung hatte er in der Werkkunstschule bekommen. Sein Fach war die ‘Schrift’. Sein erster Arbeitgeber war die Schriftgießerei Klingspor.

Bild "Unser Haus 1992 (Tulpenhofstraße 45)" von Alexa Kumm und Helmut Kumm aus Offenbach am Main auf Kunst-Offenbach.com

“Unser Haus 1992” von Alexa Kumm und Helmut Kumm (150x215cm) © kunst-offenbach.com

Er hatte ein Leben lang mit der Schrift zu tun und mit bibliophil gestalteten Büchern, die er mit Offenbacher Künstlern gestaltete (z. B. Kurt Steinel und Karlgeorg Hoefer).

So steckte die Kunst schon im Haus, bevor ich meinen Malkeller einrichtete und Action-Painting in die Tulpenhofstraße einzog.

Meine Jugend in der Tulpenhofstraße

Als ich 1946 geboren wurde, war die Tulpenhofstraße eine Trümmerstraße. Viele Häuser waren abgebrannt. Autos standen überhaupt keine auf der Straße. Ein bisschen Verkehrslärm machten die Lastwagen der Kaiser-Friedrich-Quelle, die klirrend durch die Straße fuhren.

Die alten Familien wohnten noch in ihren teilzerstörten Häusern. So nach und nach wurde wiederaufgebaut. Die Stimmung war nicht schön. So wenige Menschen waren nicht verbittert. Kunst sah man wenig. Meine Eltern hatten allerdings ein paar schöne Öl-Bilder und wunderschöne bibliophile Bücher und die Ästhetik der Offenbacher Schriftkunst.

Die Kunst brach für mich herein, als mein Vater von einer Reise in die Schweiz Reproduktionen von Bildern von Paul Klee mitbrachten. ‘Strichmännchen’ in Schiffen aus Linien und in Farben, die ich vorher nicht gesehen hatte. Ich war begeistert, mehr noch hingerissen.

Und Anfang der sechziger Jahre kam Kunst aus Amerika. In der Ufa-Wochenschau sah ich wie Jackson Pollock seine riesigen Bilder mit den wirren Linien malte, wie er Farbtuben ausdrückte und Farbe aus einem Eimer auf die auf dem Boden liegende Leinwand goss. Jetzt hatte ich ein Ziel im Leben: Das würde ich eines Tages auch machen.

Die Tulpenhofstraße im Wandel der Zeit

Die Tulpenhofstraße veränderte sich mit den Jahren. Da parkten die ersten Autos auf der Straße, allerdings nur tagsüber. Nachts waren sie alle in Garagen. Auch meine Eltern bauten eine Garage. Jetzt waren auch mehr Kinder hier. Es gab auch Straßenbanden. Wir lieferten uns Kämpfe.

Flugzeuge nahm man auch schon wahr, allerdings nicht viele. Sie flogen so weit oben. Und sie gehörten den Amerikanern. Und die verteidigten uns gegen die russischen Panzer.

Das Westend war eine Welt für sich. Da gab es jetzt einen Kindergarten der Friedenskirche, danach würde man in die Goetheschule gehen und dann musste man das Leibniz Gymnasium (heute Leibniz Schule) schaffen – um Arzt, Architekt, Rechtsanwalt, höherer Beamter oder Studienrat zu werden. Die es nicht schaffen würden, könnten Geschäftsleute werden, vorzugsweise mit Leder handeln.

Die Leibniz Schule war elitär. Ausgewählte Kinder kamen in den ‘humanistischen Zweig’ und lernten Latein und Griechisch. Wir waren 12 Schüler und eine Schülerin in der Sexta. Und wir schafften alle das Abitur ohne Sitzenbleiben. Und wir waren alle nicht die hellsten. Aber man zog uns durch.

Das Fach Kunst musste es nach Lehrplan geben. Ich malte nie etwas, was meinem Kunstlehrer gefiel. Als Note bekam ich eine Vier. Er hätte mir gerne eine Fünf gegeben, aber Fünfen gab es in Nebenfächern nicht. Dann schrieb die Stadt Offenbach Schüler-Wettbewerbe aus. Ich bekam jährlich einen Preis und eine Zwei im Zeugnis.

Zwischen den Bewohnern aus der Vorkriegszeit hatten sich die ersten ‘Neureichen’ angesiedelt. Sie hatten keinen Status unter den alten Familien, aber eben Geld. Und sie bauten sich Häuser in der Tulpenhofstraße.

So in den Sechziger Jahren kam der Reichtum in die Tulpenhofstraße zurück. Jetzt gab es schöne Autos. Sie parkten inzwischen auf dem Grünstreifen unter den Bäumen. Fast alle Trümmergrundstücke waren bebaut. Es gab Neid zwischen den alten Familien, die einmal sehr reich waren, und den neuen Reichen, die die teuersten Mercedes fuhren.

Die Moderne Kunst, heute ‘klassische Moderne’ genannt, war in den Sechziger Jahren auch angekommen. Auf der Frankfurter Messe konnten man Drucke von Picasso, Dali und Chagall kaufen, für ein paar hundert Mark!

Die Werkkunstschule wurde zur ‘Hochschule für Gestaltung’. Sie hatte ihre frühere Aufgabe, Handwerker künstlerisch auszubilden, verloren. Noch gab es Schriftkünstler, aber Schrift spielte nicht mehr die Rolle wie früher. Die Schriftgießereien in Offenbach und Frankfurt wurden geschlossen. Linotype aus Amerika hatte den Markt übernommen.

Die Tulpenhofstraße in den letzten Jahrzehnten

Ich wohnte von 1965 bis 1988 nicht in der Tulpenhofstraße und kann aus dieser Zeit nichts berichten. 1988 kam ich wieder und übernahm mein Elternhaus.

Die Tulpenhofstraße war lebendig geworden. Die Häuser waren voll mit kleinen Kindern und Jugendlichen. Die Menschen waren nicht mehr bitter wie vor 30 Jahren. Von den alten Familien sind nur noch fünf übrig geblieben. Dennoch ist das Westend immer noch eine Vereinigung von bürgerlichen Familien. Man muss in die Leibniz Schule gehen, danach studieren und Karriere machen.

Aber das ist bei weitem nicht mehr so bedrückend wie früher.

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