Der Ausdruck der eigenen Kreativität

Ich habe ein Buch geschrieben, sehr dramatisch. Es handelt sich um eine Liebesgeschichte. Zwischen zwei Menschen, deren persönlichste und innerste Bedürftigkeit durch eine banale Begegnung schlagartig aus der wagesten und geschützten Intimsphäre öffentlich wird.

Ab diesem Moment treiben die Protagonisten wie Korken auf einem Fluß in der Strömung, der sie sich zuerst nicht entziehen wollen, später allerdings auch nicht mehr können. Das Banalste dieses Zusammenseins wird wichtig und erhält eine nahezu prophetische Bedeutung, die sogenannte Realität kann nicht gelebt und ertragen werden – und auch die Zukunft vermittelt keine Bilder, weil sie gemeinsam weder gelebt werden kann noch will.

Wie gesagt, sehr dramatisch. Das Ende ist offen. Der Leser muss die Verantwortung dafür selbst übernehmen.

Was mache ich nun damit, und muss ich überhaupt etwas damit machen? Oder drücke ich nicht einfach diese nette kleine „Entf-Taste”?

Bei meinen Zeichnungen, Serien, Bildern, Büchern habe ich mich das auch gefragt. Ich habe jahrelang darüber nachgedacht. Und am 01.02.2019, am Abend um 21:00 Uhr, habe ich sie fast komplett zerstört. Angefangen von Zeichnungen aus der Kindheit und Jugend bis heute. Es als Gewaltakt zu verstehen trifft mitnichten die zutiefst zu Grunde liegenden Bedürfnisse dieses Tuns.

Befreiung durch Zerstörung?

Ohne ein gründliches Bedenken wäre es für mich ein ausschließlich brachialer Gewaltakt. So ist es die Konsequenz aus den Gedanken, was ich JETZT wirklich vertrete und womit ich mich künstlerisch identifiziere. Ebenso interessant ist die Frage, was sich emotional im Laufe eines Lebens in dem persönlichen Ausdruck verändert (hat) oder auch nicht.

Und da vermisse ich extrem einen treuen alten Freund, Ottomar Gassenmeyer. Wir haben viele Gespräche über diese Aspekte geführt, den Ausdruck der eigenen Kreativität, ein gewisser gefühlter Zwang, sich derart äußern zu müssen und darzustellen, eine gewisse Ruhelosigkeit, weil nie ein „statu quo ante” erreicht wird und wir alle Veränderungen unterliegen, aber ebenso die Autonomie der persönlichen Entscheidung, und gerade auch in dem Aspekt der Zerstörung.

Mein Denken über den künstlerischen Ausdruck

Ich hatte zuerst überlegt, diese „Aktion” bei den 2019 in Offenbach am Main mit anderen Interessierten zu teilen, zu diskutieren. Doch für mich formte sich gedanklich zunehmend ein geradezu voyeuristisches Empfinden heraus, eine Dynamik, die mit meinen Beweggründen wenig gemeinsam zu haben schien. Es geht nicht um den lauten Protest, der befeuert wird, sondern um eine leise und notwendige Entscheidung, die Eigenverantwortung benötigt.

Ein Berg zerrissenen Papiers

Zerstörung der Zeichnungen von Alexa Kumm © kunst-offenbach.com

Mein Denken über den künstlerischen Ausdruck ist bei den Zeichnungen wie bei dem Buch gleichermaßen: Sobald das Innerste und Bedürftigste öffentlich wird, entzieht es sich jeglicher Selbstbestimmung. Und je nach dem Umgang mit der eigenen Emotionalität sollte gut bedacht sein, wieviel Öffentlichkeit verkraftet werden kann.

Tja, und nun sitze ich hier vor einem Berg zerrissenen Papiers und denke, eigentlich sieht es ganz schön aus. Ich könnte ja mal ein Foto machen.

Und wie geht es weiter? Auf 18,5 x 14,7 cm. Eine kleine schwarze Tafel, mit Kreide zu bemalen. Mit einem Schwamm zu säubern. Easy.

Und das Buch? Wird definitiv ein kleinerer Haufen als diese Zeichnungen.

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